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INTERVIEW mit LEA-WON zum Thema Fame, Bundeskanzler-Sein und anderem LW: Eigentlich nicht so gut, andererseits doch ganz cool. Weiss nicht, und jetzt? Frage: Ja, erste Frage also: Was macht fuer dich ein gutes Interview aus? LW: Ich finde es oft interessant, Interviews mit Menschen zu lesen, deren Kunst/Output ich irgendwie relevant finde oder auch einfach komisch finde oder irgendwie finde... Am besten waers natuerlich, wenn Interviews ueberfluessig waeren, weil schon im Output alles deutlich gemacht und gesagt waere, also eine Art Selbstverstaendlichkeit. Andererseits kann man in Interviews ja auch einfach mal so quatschen und siehs mal so: Ohne Interviews haettest du nie die Moeglichkeit, gerade dein Idol zu treffen und mit ihm zu plaudern! Aber was soll diese Frage denn, fallen die keine Fragen ein? Frage: Naja, ich hab im Internet nach Interviews gesucht und auer einmal von flashmag.de und zwei Artikeln in der Sddeutschen Zeitung hab ich zwar viel ber dich als Rapper gefunden, aber keine direkten Interviews. Woran liegt das? LW: Wahrscheinlich ist es vielen einfach zu anstrengend, sich mit mir auseinanderzusetzen und dann zusammenzusetzen, oder es bereitet ihnen zu viel Kopfzerbrechen, sich mit meinem Zeug zu beschftigen oder sie verstehen es nicht, keine Ahnung. Vielleicht bin ich daran auch mit ein kleines bisschen selbst Schuld, aber im groen und ganzen sind die meisten Journalisten wahrscheinlich einfallslose, uninspirierte Zeitgenossen. Naechste Frage! SOFORT! Frage: Was nervt dich eigentlich so sehr an der deutschen Rap-Szene? LW: So manches. Manchmal ist zu wenig One Love und Community, auf der anderen Seite auch wieder zu oft Gleichmacherei und Beliebigkeit. Frage: Wie meinst du das genauer? (Du musst verstehen, unsere Leser sind nicht so drauf, dass sie deine Gedanken lesen koennen!) LW: Abgesehen davon, dass ich mit den meisten Leuten aus der Rap-Szene wenig gemeinsam habe auer dass wir Beats und Rhymes ganz cool finden, finde ich halt auch diese Doppelmoral bei einigen von denen tzend, die auf ihren Liedern so auf deep tun und so. Nicht falsch verstehen, ich selbst hre auch sehr unterschiedliche Sachen und Vielfalt ist ja auch das tolle am Rap, aber irgendwo muss doch ne inhaltliche Positionierung stattfinden. Also mich nervt es, dass einige sich nicht trauen, an der richtigen Stelle mal zu fronten und das, was sie in ihren Liedern inhaltlich sagen, dann auch konsequenter zum Ausdruck zu bringen. Frage: Wie siehst du die Szene in Muenchen? LW: In Mnchen geht schon was. Aber hier ist es wie wohl in den meisten anderen Stdten auch. Ich wei auch nicht, ob dieses Phnomen auf die Rap-Szene beschrnkt ist, oder allgemein einfach in die Subkultur so hereingetragen wird, weil die Menschen halt so drauf sind, aber ich find auch diese Art einiger Leute ziemlich anstrengend und enttuschend. Jeder kmmert sich im Endeffekt nur um seinen eignen Mist. Bei den meisten isses doch so, dass sie irgendwelche Idole haben, dann denen nacheifern und whrenddessen nicht mal kurz links und rechts an ihren Scheuklappen vorbeischauen. Ich finde, man muss eben auch Fan bleiben und sich gegenseitig supporten. Wenn hier sowas wie gegenseitiges Pushen stattfindet, dann wieder eher aus reinem Selbstzweck heraus, weil man sich dadurch erhofft, bei allem beliebt zu sein, Prsenz zu haben und berall nen Fu in die Tr zu kriegen - das ist doch tzend. Ich wrde mir ne Szene wnschen, in der man wie selbstverstndlich miteinander umgeht und arbeitet und zwar deshalb, weil man sich gegenseitig ernsthaft respektiert und cool findet. Frage: Willst du eigentlich berühmt werden? LW: Ich bin eher so der Anti-Held. Also bekannt und berchtigt zu werden, aber gleichzeitig vollkommen zu recht bei den meisten unbeliebt zu sein, das ist mein selbstverstndliches Ziel. Frage: Wieso unbeliebt sein? Ist das nicht eher so ne plakative Anti-Haltung? LW: Ne, diese Anti-Haltung ist schon mit Inhalt gefllt. Sinnlose Provokation und sinnloses Fronten bringt nichts. Punkt ist aber eben, dass ich wei, dass ich mit dem Groteil der Gesellschaft einfach nicht klarkomme - ihren Lebensweisen, ihren Ansichten und damit, wie sie durch ihre Realitten laufen, ohne irgendwas mal kritisch zu hinterfragen. Aus diesem Grund wei ich, dass ich fr einige unbequem und anstrengend sein werde und schon jetzt bin, aber anders gehts halt nicht. Frage: Du selbst wirst zu den politischen Rappern gezhlt. Glaubst du, dass diese Bewegung in den kommenden Jahren eher abnehmen oder zunehmen wird? LW: Erst mal: Ich werde deshalb als politischer Rapper definiert, weil ich in Relation zu den meisten anderen, einfach konkreter gesellschaftlich relevante Dinge in meine Texte einflieen lasse. Ich bin nicht aus Selbstzweck politisch, sondern weil mein Output da widerspiegelt, was ich bin, was ich mir denke und was mir ein Bedrfnis ist, mitzuteilen. Entweder die meisten anderen sind einfach zu un-ehrlich in ihrem Output oder aber sie sind einfach beschrnkte Lemminge. Um auf deine Frage zurckzukommen: Es gibt schon jetzt einige coole Leute, die sich auch in ihrer Rapmusik mit gesellschaftlichen Themen gezielt auseinandersetzen. Leider sind die in der Unterzahl und werden medial natrlich nicht so reprsentiert, weil klar: was unbequemer und komplizierter ist, ist schwerer konsumierbar, deshalb schwerer verkaufbar usw, du kennst die Zusammenhnge und weit, was ich mein... Deshalb connecten sich diese Leute und verbreiten sich gegenseitig, also schaut auf meine Webpage, da werdet ihr ne Menge Querverweise finden. So bilden sich halt Parallel-Strukturen, das ist schon cool. Es muss aber halt alles zusammen passen, weit du. Rap funktioniert nur, wenn der, der es machen will, auch wirklich darin aufgeht und das selbst fhlt. Wenn Leute herkommen, die das ausschlielich und nur als Mittel zum Zweck als Sprachrohr benutzen wollen, dann geht das meistens schief, weil die das dann auch nicht ansprechend rberbringen knnten. Frage: Was würdest du als erstes ndern, wenn du morgen Bundeskanzler von Deutschland wrst? LW: Natrlich luft in Deutschland einiges falsch, aber fr mich sind das alles Auswirkungen der falschen Umstnde und nicht primr Einzelentscheidungen von irgendwelchen Kpfen da oben. Die Frage ist doch, ob Politiker wirklich so viel Macht haben. Im Endeffekt sind die doch in gewissen Mechanismen gefangen. Die Leute stellen sich das zu einfach vor, zb dass alle Arbeit haben oder dass die und die Gesetze so und so unfair sind. Ziel muss es sein, das System zu verndern, nicht nur die sogenannten Volksvertreter auszuwechseln! Wenn ich von heute auf morgen auf einmal Kanzler wre (was natrlich nie passieren wrde), dann htte ich zwar noch das gleich Bewusstsein wie heute und wre noch nicht durch den Marsch der Institutionen langsam verformt, trotzdem wren mir in vielen Angelegenheiten wohl die Hnde gebunden. Frage: Du hast grade schon die Arbeitslosigkeit angesprochen. Was sagst du denn zu Leuten, die meinen, die Auslnder wrden uns Deutschen die Arbeitspltze wegnehmen? LW: Erst einmal frage ich mich, wer das sein soll - wir Deutschen. Was, auer diesem Papierstck unterscheidet mich denn von einem Auslnder, der hier her kommt, um zu arbeiten mehr als von einem "Deutschen" (also mal angenommen, es handelt sich um ne Arbeit, wo jemand die Sprache nicht knnen muss)? Die Leute mssen anfangen, zu begreifen, dass nationale Grenzen konstruiert sind, d.h. nur dann einen Sinn haben, wenn wir ihnen einen geben. Abgesehen davon ist es doch so, dass der technische Fortschritt mittlerweile den Mensch als Arbeiter durch die Maschine ersetzt. Die logische Konsequenz davon sollte sein, dass dieser gesamt-gesellschaftliche Fortschritt uns allen zu gute kommt und wir einfach alle weniger arbeiten mssten. Stattdessen ist es so, dass die Fabrikbesitzer einfach die Arbeiter entlassen knnen und sich der Profit fr den Fabrikbesitzer durch die Maschinen erhht, weil er fr den Arbeiter keinen Lohn mehr zahlen muss. Natrlich gibt es hier in Deutschland noch ein soziales Netz, das im Endeffekt genau auf diesem Ausgleich beruht, nmlich das Mehrverdiener auch mehr Steuern zahlen und somit Leute was davon haben, deren Arbeit in diesem System nicht mehr gebraucht wird - das knnte aber alles noch viel weiter gehen und ist immer noch ungerecht aufgeteilt, weil die Reichen immer reicher werden durchs Nichtstun. Frage: Einige behaupten, reiche Arbeitgeber htten sich ihren Lebensstandard eben durch hartes Arbeiten verdient. LW: Erstmal ist dieser Begriff Arbeitgeber ein Propagandabegriff. Der Unternehmer GIBT keine Arbeit, sondern NIMMT sie von denjenigen in Form von Arbeitskraft, die fr ihn arbeiten - es ist also genau umgekehrt. Ansonsten muss man sich doch nur mal anschauen, wie das so funktioniert, reich werden. Lotto-Spiele und WerWirdMillionr-Scheie gaukeln uns vor, wie toll es sein kann, ganz schnell reich zu werden. Genauso diese lcherlichen Mitternachts-Gewinnspiele durch Anrufe usw... Fakt ist doch, dass es so nur ein minimaler Bruchteil aller schaffen kann und dass es meistens so luft, dass diejenigen, die viel Geld erben oder das Unternehmen ihres Vaters bernehmen, diejenigen sind, die dann im groen Spiel mitspielen knnen. Genauso an der Brse. Dort vermehrt sich Geld einfach dadurch, dass schon Geld da ist. Das ist das absurde Spiel des Kapitalismus. Frage: Du hast grade schon diese Fernseh-Shows angesprochen. Wird es irgendwann Lea-Won Klingelton-Downloads geben? LW: (Grinst) Also bei den meisten der Beats, die ich benutze, wre es ja zwecks zu abstrakter, sich berschneidender oder nur verkrmmter Melodie kaum mglich, die als Klingelton zu umzusetzen. Zum anderen will ich mich an diesem Spiel gar nicht beteiligen, ganz abgesehen davon, dass ich nicht glaube, dass ich mich so weit verndere, um irgendwann auf dieser Star-Schiene zu funktionieren. Ich htte deshalb keine Lust drauf, weil die Leute, die sich diese Klingeltne bestellen sich doch schon wieder selbst verarschen. Die Telefongesellschaften und Fernsehsender verdienen da nen Haufen Geld an der Scheie und die Leute fallen drauf rein. Abgesehen davon htte ich keine Lust, in einem Block mit irgendwelchen anderen Acts, von denen ich einige nicht nur musikalisch, sondern auch inhaltlich von dem her, wofr sie stehen, scheie finde, genannt zu werden oder stattzufinden. Dazu ist mein Output einfach zu persnlich gefrbt und mir auch zu wichtig. Frage: Wer würdest du sagen, hat dich am meisten beeinflusst? LW: Ich wrde sagen, dass mich auf inhaltlicher Ebene auch ber die Rapgrenzen hinaus einige Leute beeinflusst haben. Seien es Texteschreiber wie Markus Wiebusch von But-Alive (Anm. Punkband, die in den 90er Jahren in der Punkszene recht bekannt war), der einfach genial ist, oder z.B. auch Texte von Frchte des Zorns, einer Alternative-Band aus Berlin und sogar ein paar Texte von lteren Liedermachern wie Rio Reiser, Konstantin Wecker oder Franz-Josef Degenhardt. Auf Songwriter-Ebene kann natrlich nochmal auf ganz anderer Art und Weise geschrieben werden als als Rapper. Frage: Ich meinte auch eher den HipHop-Bereich, also welche Rapper inspirierend waren. LW: Flowtechnisch und was Reime angeht gibt es eine Menge Leute, vor denen ich den Hut ziehe, und die mich natrlich dadurch, dass ich dafr dann Bewunderung habe, automatisch auf die ein oder andere Art und Weise beeinflussen. Was inhaltliches angeht siehts da eher schmaler aus. Es war fr mich wichtig, Englisch zu lernen, um genauer zu verstehen, was die Rapper, die ich anfangs cool fand, eigentlich wirklich meinen. Bei all dem, was man stimmungsmig mitbekommt, sollte man eben nicht stehn bleiben, sondern Rap bedeutet eben, die Worte zu verstehen, sich auszudrcken usw, da sollte man die jeweiligen Rapper dann schon auch auf was festnageln knnen. Trotzdem wrde ich jetzt mal Talib Kweli und Mos Def nennen, von denen es einige Songs gibt, die ich mir von Anfang bis Ende richtig oft reingezogen und mir bersetzt habe und die mich auf einige Dinge brachten, auch die Art und Weise, wie sie etwas rberbringen. Saul Williams hat ein paar echt krasse Konzepte gemacht, der fhrt so seine Schiene zwischen poetisch-abstrakt und dann doch wieder recht eindeutig und in die Fresse, das gefllt mir. Sage Francis ist einer, der ne Menge interessanter Dinge zu sagen hat und andererseits auch sehr cool mit diesen Widersprchen umgeht, die einen als Rapper und ffentliche Person begleiten und dabei auch ne Menge Ironie und Spielerei mit reinmischt. Und aus jngerer Zeit muss natrlich Immortal Technique genannt werden, der ein paar wirklich explizite, knallharte politische Songs gemacht hat, in denen er ne Menge erklrt - abgesehen davon, dass er auch inhaltlich ein paar Sachen macht, fr die ich ihn kritisieren wrde... Mr Lif hat mit mich "Home of the Brave" und ein paar anderen Dingern auch total beeindruckt. Es gibt noch einige andere, auch auf deutsch, deren Aussagekraft mich fasziniert hat, checkt dafr mal meinen myspace-account ( www.myspace.com/kramatik84 ). Frage: Glaubst du, man kann durch Rap alles ausdrcken, was man will? LW: Das sollte das Ziel sein. Das ist immer der schmale Grad zwischen Technik und Reimwichserei und dem inhaltlichen Strang, den man verfolgen will. Es gibt aber einfachere Methoden, sich komplett genau auszudrcken wie z.B. Interviews zu geben, in denen hoffentlich nachtrglich nichts gekrtzt wird, oder auch Bcher zu schreiben und Rap sollte ja auch nicht immer die ganze Zeit anstrengend und verkopft sein. Frage: Was sagst du Leuten, die dir vorwerfen, dass es bei dir mehr um Lyrics als um Musik geht? LW:Naja, erst mal ist Rap fr mich keine Musik, zumindest der Rap, den ich mache. Das ist hchstens das Klauen und Wiederzusammenstckeln von Musik. Also ich hab da an mich selbst gar nicht diesen Musik-Anspruch. Zum anderen haben diese Leute mich wahrscheinlich noch nie Live performen erlebt und wissen auch nicht, wie viel Spa auch daran habe, in der U-Bahn irgendwelche Rhytmen gegen die Sitze zu klopfen, mit meiner Tochter zu Skamusik zu tanzen oder einfach nur "yo" auf einen derben Beat zu sagen. Es gibt einfach sooooo viel wunderbare Musik da drauen, sowohl im Rap- als auch im sonstigen Bereich. Ich selbst suche mir da halt die Musik zum konsumieren aus, die nicht nur meinen Ohren, sondern auch meinem Kopf gefllt. Das mssen nicht immer Sachen sein, die 1-zu-1 widerspiegeln, was ich sowieso schon denke und was meine Meinung ist, aber ich bin interessiert an echten Menschen, ihren Gefhlen und daran, wie sie das unterhaltsam oder faszinierend rberbringen und nicht an aufgesetzten Klischees, Menschenverachtenden Images, und den immergleichen Phrasen. Danke für deine Zeit und dafr, dass du das hier abtippen wirst. LW: Bitte, bitte, ich danke euch fr die Plattform und euer Interesse; aber das mit dem Abtippen war ein schlechter Witz, oder? Nein, war ernstgemeint, bis zum naechsten mal, ich hau jetzt ab. Interview geführt von Claus Tro Phob für www.independentrap.de am 10.4.2006 in München. Check www.lea-won.net |